Sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert. Heinrich Goldemund und seine familiäre Herkunft

Heinrich Goldemund, Quelle: wikimedia.commons

Der wohl berühmteste Vertreter der Familie Goldemund war der Wiener Stadtbaudirektor Heinrich Goldemund (1863-1947). Als Stadtplaner war er mit für die Gestalt der expandierenden Kaisermetropole verantwortlich und wirkte von 1913 bis 1920 schließlich als Stadtbaudirektor. All diese Stationen seines Lebens sowie seine spätere Sympathie für das NS-Regime lassen sich vielfach nachlesen[1] und sollen hier nicht wiederholt werden. Uns interessiert an dieser Stelle vielmehr seine familiäre Herkunft sowie die faszinierende Verbindung zu all den anderen Goldemunds in Wien, Österreichisch-Schlesien sowie in verschiedenen Kronländern der Donaumonarchie. Ich freue mich über Ergänzungen und Korrekturen.[2]

 

Heinrich Goldemund wurde am 13. August 1863 in der überwiegend tschechisch geprägten mährischen Kleinstadt Kojetín (deutsch Kojetein) als uneheliches Kind geboren.[3] Seine Mutter war Anna Kotek (1837-1912), Tochter des Kojetíner Schusters Martin Kotek (Kottek) und dessen Frau Veronika Nowak. Sein gleichnamiger Vater Heinrich Goldemund (1838-1888) diente zu diesem Zeitpunkt als Feuerwerker in der k.u.k. Armee. Wann genau seine Eltern heirateten, ist mir bislang nicht bekannt, doch es muss spätestens sechs Jahre nach seiner Geburt geschehen sein, denn 1869 wurde er als Heinrichs Sohn legitimiert. Etwa in dieser Zeit müssen die Eltern nach Wien gezogen sein, wo sein Vater Heinrich seit 1875 in den Adressbüchern nachweisbar ist. Dort wirkte dieser bis zu seinem Tod als Dekanatsdiener der medizinischen Fakultät an der Universität Wien.

 

Vater Heinrich stammte aus Hotzenplotz (Osoblaha), einer Kleinstadt, die als mährische Exklave an der Grenze zum preußischen Teil Schlesiens lag. Dort wurde er 1838 als Sohn des Schuhmachermeisters Augustin Goldemund (1793-1867) geboren. Seine Mutter Johanna Visconti (um 1795-1873) stammte aus einer völlig anderen Region und auch Konfession.[4] Ihr Vater Alexander Visconti war als Maler im preußischen Magdeburg tätig, wo er 1786 Bürger der Pfälzer Kolonie geworden war. Sein Name verweist darauf, dass der eigentliche Ursprung der Familie in Italien lag und er vermutlich aus einer Waldenser-Familie stammte.

 

Heinrich Goldemunds Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, Quelle: privat

 

Augustin Goldemund hatte außer Heinrich mindestens fünf weitere Kinder, von denen drei eigene Familien gründeten:

* August Goldemund (um 1816-1886) war Gutsverwalter in dem Grenzort Endersdorf (Ondřejovice). Er blieb unverheiratet und wurde in seinem Haushalt von seiner ebenfalls ledigen Schwester Emilie Goldemund (um 1819-1879) unterstützt.
* Josef Philipp Rudolf Goldemund (1825-?) führte das Handwerk seines Vaters fort und zog als Schuhmachermeister nach Wien. Hier heiratete er 1860 Katharina Röder aus Oberfranken und hatte mit ihr mindestens vier Kinder.
* Auch Richard Johann Goldemund (1837-1921) wurde Schuhmachermeister, blieb jedoch zunächst in Hotzenplotz. Erst später zog auch er nach Wien, wo uns u. a. sein Sohn Paul Goldemund (1872-1957) als Kaufmann begegnet.
* Augustins fünfter Sohn, Rudolf Alexander Goldemund (1834-?), blieb in Hotzenplotz und Umgebung. Hier war er in der Lokalverwaltung tätig, wurde zunächst Schriftführer in Liebenthal (Liptaň) und Reserve-Korporal beim 1. Genie-Regiment. Ab 1868 war er Stadtsekretär in Hotzenplotz. Sein Sohn Rudolf Robert Goldemund (1865-?) war in den 1890er Jahren als Ingenieur in Schweden aktiv und zog 1896 nach Norwegen. Ein Enkel Rudolf Alexanders, Emil Rudolf Goldemund (1886-1959) lebte in Graz. Von dessen Söhnen wanderten zwei, Rudolf Goldemund (1912-?) und Viktor Goldemund (1913-?) nach Brasilien aus und begründeten den dort bis heute bestehenden Familienzweig.

 

Offensichtlich kannten sich die Goldemund-Vettern in Wien. So war der Sohn des Stadtbaudirektors, Dr.-Ing. Heinrich Goldemund (1897-1989), Trauzeuge bei seinem Vetter 3. Grades, dem Ing. Paul Goldemund (1906-1941, Sohn des Kaufmanns Paul).

 

Doch der soziale Aufstieg hatte nicht erst mit den Kindern Augustins und deren Umzug von der Peripherie in die Hauptstadt Wien begonnen. Sein gleichnamiger Vater Augustin Goldemund (1756-1843), also der Urgroßvater des Stadtbaudirektors, war Lehrer in den Dörfern Bartelsdorf (Bartultovice) und Waissak (Vysoká) und verfügte somit bereits über eine über den Durchschnitt hinausreichende Bildung, die er sicherlich seinen Kindern und Enkeln mit auf den Weg gab. Schon sein Sohn Joseph Goldemund (1796-nach 1854) trat in den Staatsdienst ein. Nachdem er Zollaufseher in Deutsch Paulowitz (Slezské Pavlovice) gewesen war, wechselte er 1827 als Amtscontrolleur der k. u. k. Grenzpolizei nach Jägerndorf (Krnov) und später als k. u. k. Hauptzahlamts-Einnehmer nach Olmütz (Olomouc).

 

Ein anderer Sohn des Lehrers Augustin, Johann Goldemund (1779-?), wurde Syndikus und erster Magistratsrat in Hotzenplotz. Auch dessen Söhne traten Beamtenlaufbahnen ein:

* Heinrich Goldemund (1824-?) als k. u. k. Bezirksgerichtskanzlist in Hotzenplotz. Gegen ihn wurde 1861 wegen Diebstahls und Unterschlagung ermittelt.
* Johann Nepomuk Goldemund (1829-1902) zog in die Hauptstadt Wien und wurde dort zunächst k. u. k. Ober-Telegrafist und später Postcontrollor. Seine Kinder waren ebenfalls als Telegrafistinnen und Postbeamte tätig.
* Wilhelm Goldemund (1826-?) lebte zunächst in Troppau (Opava). Um 1853 zog er als Finanzbeamter nach Ungarn, wo er zunächst Amts-Praktikant und kurz darauf Kanzlei-Assistent III. Klasse in Eger (deutsch Erlau) war. Von dort wechselte er 1857 als Assistent nach Budapest (sowohl in Buda als auch in Pest), wo er später zum Linienamts-Controllor und Hauptamts-Offizial befördert wurde. Er folgte vermutlich seiner älteren Halbschwester Adelheid Goldemund (um 1808-?), die mit dem Verwalter Franz Appel verheiratet war und spätestens seit 1837 in Ungarn lebte. Um die Mitte des Jahrhunderts waren die Goldemunds somit in mindestens vier Kronländern im Staatsdienst tätig.[5]

 

Der Lehrer Augustin selbst stammte aus Röwersdorf (Třemešná) und war Teil der dort weit verzweigten Familie. Zu den weiter entfernten Verwandten aus diesem Ort gehörten der Advokat Dr. Franz Goldemund (1830-1897), der 1873-79 und 1882-85 Bürgermeister der Bezirkshauptstadt Jägerndorf war, sowie der Wiener Kriminalbeamte Ottokar Goldemund (1883-1979). Die Präsenz der Familie in Röwersdorf geht auf Augustins Urgroßvater Hanß Goldemund (den Jüngeren) (1662-?), zurück, der 1696 als Schneider von Liebenthal nach Röwersdorf gezogen war. Mit diesem gemeinsamen Vorfahren schließt sich der Kreis zu meiner Seite der Familie.[6]

 

Anmerkungen:
[1] Siehe u. a. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Heinrich_Goldemund.
[2] Auffällig an der vorliegenden Aufstellung ist, dass sie sich vorrangig auf die männlichen Mitglieder der Familie Goldemund konzentriert. Ich fühle mich etwas unwohl, so eine patriarchale Sicht auf das Konzept „Familie‟ zu reproduzieren. Doch gab es in den genannten Familien tatsächlich nur wenige Töchter und über diejenigen, deren Namen bekannt sind, lassen ich aufgrund der Quellenlage kaum weitere Informationen sammeln, als Angaben zu ihren Ehen und ihren Ehemännern.
[3] Der Übersichtlichkeit halber werde ich nicht jedes Ereignis und Datum genau belegen. Die Quellen für alle Angaben in diesem Artikel sind vornehmlich die Matriken der jeweiligen Orte, Adressbücher der Stadt Wien, Amtsblätter, Schematismen und zeitgenössische Zeitungen. Bei Nachfragen gebe ich gerne detailliert Auskunft.
[4] Mit Ausnahme von Johanna und ihren Eltern waren alle in diesem Artikel genannten Personen katholischer Konfession.
[5] Bislang nicht zuordnen ließ sich der Finanzbeamte Julius Goldemund. 1850 begegnet er uns als Kadett beim 22. Illirischen Inf.-Reg. in Triest; bis 1855 war er Finanzwach-Aufseher in Großwardein, danach Steueramts-Kanzlei-Assistent II. Kl. 1869 arbeitete er als Notariatsadjunkt im ungarischen Visegrad.
[6] Zu Hanß Goldemund und dessen weiteren Vorfahren siehe Ahnenliste, Nr. 1408.

 

 

Trauregister Oberweimar

Ich erstelle derzeit mehrere Namensregister verschiedener Kirchenbücher, von denen nun endlich das erste online gestellt werden kann.

 

Es handelt sich um das evangelische Trauregister von Oberweimar (Stadt Weimar, Thüringen) 1574-1751. Download (pdf):

 

 

Vorlage war das maschinengeschriebene Trauregister im Pfarramt von Oberweimar, dessen ursprünglicher Urheber mir nicht bekannt ist, und das ich zumeist wortgetreu abgeschrieben habe. Die Ortsnamen habe ich größtenteils an die heutige Schreibweise angepasst, manchmal aber auch die vorgefundene Schreibweise übernommen. Auch habe ich einige mir offensichtliche Fehler korrigiert (z.B. 1670 bei Klara Hecht, die unter „Neithecht“ verzeichnet wurde, womit jedoch der Name ihres Vaters, Veit Hecht, gemeint war). Das Original weist eine Lücke von 1594-1627 auf.

 

Jüdischer Friedhof Demmin

Letzte Woche nutzte ich einen kurzen Zwischenaufenthalt in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) dazu, den jüdischen Friedhof in der Bergstraße 5 zu dokumentieren: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jewish_Cemetery_in_Demmin

Grabstein der Julie Davidsohn (gest. 1868)

 

 

Außerdem habe ich alle Grabsteine durchnummeriert und einen Lageplan erstellt. Laut wikipedia-Artikel soll es sich um 31 Steine handeln, wohingegen ich nur 29 gezählt habe. Dieser Fehler lässt sich evtl. dahingehend erklären, dass in Wolfgang Wilhelmus, Juden in Vorpommern, 2007 (pdf-Version) von „etwa 30“ Steinen die Rede ist, die nach der Verwüstung wieder aufgerichtet wurden und zu denen noch ein weiterer Stein hinzu gestellt wurde. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen eigenen neuen Stein, sondern um eine Inschrift, die auf der Rückseite eines älteren Grabsteines angebracht wurde (Lageplan-Nr. 1).

 

Ich habe versucht, soweit es mir möglich war, eine Liste aller Grabsteine bzw. aller beerdigten Personen zu erstellen. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustands einiger Inschriften war das jedoch nicht immer möglich. Zudem habe ich mit Demmin sonst nichts zu tun und habe keine weiterführende Literatur zur Hand genommen, um manche Lücken zu schließen. Merkwürdig: Grab Nr. 10 soll laut hebräischer Datumsangabe aus dem Jahr 1835 stammen, wobei der Friedhof erst 1848 eröffnet wurde. Ergänzungen, Korrekturen und Hinweise sind daher gerne willkommen!

 

 

Liste der Grabsteine:

 

1. Rebecka Mannheim (gest. 1845)

2. Olga Liebeck (gest. 1930)

3. Elise Brotzen geb. Sußmann (gest. 1916)

4. Jette Cohnheim geb. Nathan (gest. 1848), Emil und Gustav Cohnheim (gest. 1854), S. A. Cohnheim (gest. 1878)

5. David Klemann (gest. __)

6. Clara Cohn geb. Joachimsthal (gest. 1933)

7. Julie Davidsohn geb. Cohnreich (gest. 1868)

8. Rabbiner Abraham ___

9. Esther Cohn geb. Lichenheim (gest. 1884) und David Cohn (gest. 1885)

10. Rebecca Cohnheim (gest. 1835 oder 1838)

11. Moses Mannheim (gest. 1866)

12. Sophia Joachimsthal geb. Ascher? (gest. 1869)

13. Julius Hurwitz (gest. 1912)

14. Max Lewinsky (gest. 1925 oder 1926)

15. Max Cohnheim (gest. 1909)

16. ???

17. Johanna Davidsohn geb. Loewe (gest. 1902), Hermann Davidsohn (gest. 1917)

18. Cohn (Elchanan bhr Jecheskel) Joachimsthal (gest. 1891/1891)

19. Otto Joachimsthal (gest. 1889)

20. Pauline Davidsohn geb. Loewenstein (gest. 1905)

21. Löser Davidsohn (gest. 1888)

22. Siegmund Davidsohn (gest. 1910)

23. Sußmann Davidsohn (gest. 1869)

24. Alex Brotzen (gest. 1909)

25. Bernhard Schleich (gest. 1897)

26. Stephan Holz (gest. 1928)

27. Henriette Davidsohn (gest. 1864)

28. Cäcilie Müller geb. Cohnheim (gest. 1903)

29. Ascher Tobias (gest. 1876)

 

 

Lageskizze Jüdischer Friedhof Demmin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Links:

 

http://www.alemannia-judaica.de/mecklenburg_vorpommern_friedhoefe.htm#Demmin (DM)

http://mariont.blogger.de/stories/826858/

 

Inhaltsverzeichnis zu Tychsens „Bützowische Nebenstunden“

Der Orientalist Oluf Gerhard Tychsen (1734-1815) veröffentlichte von 1766 bis 1769 sechs Bände seiner „Bützowischen Nebenstunden“, in denen er eine Vielzahl an Texten zur jüdischen Geschichte, Hebraistik, Epigrafik, Arabistik usw. veröffentlichte. Die „Nebenstunden“ sind eine reiche Fundgrube besonders für die Geschichte der Juden in Mecklenburg.

 

Da bislang kein Inhaltsverzeichnis online verfügbar war, habe ich ein solches erstellt: Tychsen_Nebenstunden_Inhalt (pdf)

 

 

Wer ist die Mutter von Michael Praetorius?

Auf der Website kuettler.net ging Detlev Küttler 2009 der Frage nach, wer die Mutter des Kirchenmusikers Michael Praetorius (um 1571-1621) gewesen ist:

 

http://www.kuettler.net/wordpress/2009/11/28/recherche-wer-ist-die-mutter-von-michael-praetorius/

 

Obwohl der passionierte Ansatz, dieser Frage detailliert nachzugehen, sehr zu loben ist, sind doch viele Fehler begangen worden, die zu einem merkwürdigen Resultat führen. Von daher versuche ich, die Frage erneut aufzurollen:

 

Ausgehend von den widersprüchlichen Angaben zu den Ehefrauen des Pfarrers Michael Schulze/Praetorius (1515-nach 1578, im folgenden immer Schulze genannt, um Verwechslungen zu vermeiden) stellt sich die Frage, welche von diesen nun die Mutter von Schulzes jüngstem Sohn – dem besagten Kirchenmusiker Michael Praetorius (um 1571-1621) – war. Die Thüringer Pfarrerbücher Band III und IV geben keine konkrete Antwort, sondern verwirren eher durch sich ausschließende Angaben zu Michael Schulzes Ehen:

 

Band III (Großherzogtum Weimar Eisenach, Landesteil Eisenach) :

∞ I. Torgau (1537) …Zwilling, To. v. Sup. Torgau
∞ II. Torgau, vor 1554 Magdalena Leicher, aus Torgau

 

Band IV (Die reußischen Herrschaften):

∞ I. Torgau (1537) NN Brücker, To. v. NN., Koch, Torgau
∞ II. Torgau 1567Gertrud Leicher gen. Didymus aus Torgau, To. v. Gabriel Sup. Torgau

 

Es wurde zurecht erkannt, dass 1537 noch keine Tochter des Torgauer Superintendenten Gabriel Zwilling/Didymus (um 1487-1558) geheiratet haben kann, der ja selbst erst 1525 eine Ehe eingegangen war. Somit finden wir in Band III den ersten klaren Fehler. Es bleibt anzunehmen, dass die diesbezügliche Angabe aus Band IV richtig ist, und die erste Ehe 1537 mit einer Tochter des Kochs Brückner eingegangen wurde. So weit so gut.

 

Als nächstes wurde versucht, die Angaben zur zweiten Ehefrau (Leicher oder Didymus) zu entwirren. Dabei wurde der folgenschwere Fehler begangen, die Angabe aus Band IV „Gertrud Leicher gen. Didymus“ wörtlich zu nehmen, also zu akzeptieren, dass es eine Person namens Gertrud Leicher gab, die aber Didymus genannt wurde und eine Tochter Gabriel Zwillings/Didymus‘ gewesen sein müsste. Allein schon diese Annahme wirkt recht wacklig, nachdem wir ja bereits in Band III gesehen haben, dass die Angaben in den Pfarrerbüchern völlig fehlerhaft sein können und daher vorsichtig mit ihnen umgegangen werden sollte.

 

Könnte hier nicht also auch eine Verwechslung vorliegen, die den beiden Pfarrerbuch-Bearbeitern unterlaufen sein könnte? Wie es scheint, war beiden Bearbeitern bekannt, dass Michael Schulze sowohl mit einer Frau Leicher als auch mit Gabriel Zwillings Tochter verheiratet gewesen und dass eine Hochzeit 1537 geschlossen worden war. Während in Band III die Zwilling-Hochzeit zu früh datiert wurde, wurde in Band IV eine neue Ehefrau (Brückner), eingeführt, die gut ins Jahr 1537 zu passen scheint. Dafür wurde jedoch aus Magdalena Leicher und Gertrud Zwilling eine einzige Person gemacht. Niemand scheint geschlussfolgert zu haben, dass es drei Ehefrauen gegeben haben könnte, die sich bereits aus den Grundangaben der beiden Pfarrerbücher rekonstruieren lassen würden:

 

  1. 1537 NN Brückner
  2. vor 1554 Magdalena Leicher
  3. 1567 Gertrud Zwilling/Didymus

 

Zu dieser Vermutung kommt auch Küttler nicht, sondern folgt der brüchigen Fährte „Leicher gen. Didymus“. Er folgert, dass Schulze eine Zwilling-Tochter um 1541 heiratete:

 

Die ohne Vornamen genannte Tochter des Superintendenten Zwilling war vermutlich die zweite Ehefrau, die Frage war, ist sie identisch mit der in Band IV genannten Zwilling-Tochter Gertrud Leicher gen Didymus. Dagegen sprach das genannte Jahr der Eheschließung 1567, […]

 

Warum? Das würde perfekt passen – zumindest für eine dritte Ehefrau. Wenn zuvor argumentiert wurde, dass eine Tochter Zwillings 1537 noch zu jung war um zu heiraten (solch eine hypothetische Tochter könnte höchstens 12 Jahre alt gewesen sein), warum ist eine Hochzeit um 1541 dann plötzlich so viel wahrscheinlicher? Zwar ist eine Ehe mit 15 oder 16 Jahren nichts ungewöhnliches, doch müssten dafür alle vier folgenden Faktoren erfüllt sein, die das ganze hypothetische Konstrukt doch als zu unsicher erscheinen lassen. Immerhin müssten wir davon ausgehen, dass (1.) Zwilling bereits 1525 oder 1526 Vater einer (2.) Tochter wurde, die (3.) das Kindesalter überlebte und (4.) sehr jung heiratete. Würden wir von 1567 als Hochzeitsjahr ausgehen würde uns das in die komfortable Situation bringen, dass wir bis dahin von mehreren Kindern unterschiedlichen Alters ausgehen könnten.

 

Michael Praetorius hatte zahlreiche (Halb-)Geschwister, über deren biographischen Quellen sich ebenfalls Angaben zu den entsprechenden Müttern finden lassen müssten. So wird seine Schwester Sabine Praetorius genannt, die mit dem Superintendenten Andreas Lussovius in Treuenbrietzen verheiratet war und nach vielen Jahren als Witwe 1633 bei ihrem Schwiegersohn Christoph Jordan im oberfränkischen Hof starb. In ihrem Sterbeeintrag im Kirchenbuch wird sie als „Frau Sabina Lußowin eine geborene Legerin, Herrn Superintendenten M. Christophorin Jordans Seeligen Schwieger Mutter“ bezeichnet und ihr Alter mit 75 Jahren angegeben. Es ist offensichtlich, dass „Legerin“ eine Abwandlung von „Leicherin“ ist. Diese Angabe muss zunächst verwirren, da wir ja „Praetorius“ oder „Schulz“ etc. als Mädchennamen annehmen. Doch wird die Verwirrung schnell wieder entschärft, wenn man davon ausgeht, dass Kirchenbucheinträge nicht gerade als die zuverlässigste Quelle bekannt sind. In unserem Fall müssten wir also ganz einfach und ohne viele wacklige Hypothesen annehmen, dass der Schreiber des Kirchenbuchs Sabines Geburtsnamen mit dem ihrer Mutter verwechselte, wo wir wieder bei Magdalena Leicher als Michael Schulzes zweiter Frau anlangen würden. Alter, Vornamen, Geburtsnamen ja selbst Nachnamen wurden in Kirchenbüchern immer wieder munter verwechselt, was jedem Menschen bekannt ist, der schon mit dieser Art von Quelle gearbeitet hat. Als spontanes Vergleichsbeispiel sei erwähnt, dass noch meine Ururgroßmutter in ihrer Sterbeurkunde von 1912 mit einem falschen Geburtsnamen vermerkt wurde – nämlich dem ihrer Mutter! Was also im 20. Jahrhundert in preußischen Standesämtern möglich war, gilt auch für die weniger offiziellen und gesetzlich aussagekräftigeren Kirchenbücher des 17. Jahrhunderts!

 

Dieses Indiz, das meine Vermutung der drei Ehefrauen also klar stützen würde, wurde von Küttler so interpretiert, dass es weiter zu seinem immer kurioser werdenden Konstrukt beiträgt: Sabine Lussovius sei wirklich eine geborene Leicher gewesen und sei erst durch die Hochzeit ihrer Mutter mit Michael Schulze zu dessen Stieftochter geworden. Mehr noch, als Sabines Mutter wird jene bereits erwähnte verhängnisvolle „Gertrud Leicher gen. Didymus“ angenommen, so dass Küttler schlussfolgert, eine Gertrud Didymus sei mit einem Herrn Leicher verheiratet gewesen, der wiederum der leibliche Vater der Sabine Lussovius gewesen sei. Nach dessen Tod habe Gertrud 1567 Michael Schulze geheiratet und sei die Mutter Michael Praetorius‘ geworden.

 

Da sie aus dem Sterbeeintrag zurückgerechnet 1558 geboren ist, kann ihre verwitwete Mutter Michael Schulze frühestens 1560 geheiratet haben, das im Pfarrerbuch Band IV angegebene Jahr 1567 dürfte damit richtig sein. Alle vor diesem Zeitpunkt geborenen Kinder von Michael Schulze – Andreas, Johannes und Maria – waren nicht ihre leiblichen Kinder, sondern die von Magalene Leicher, wohl einer Verwandten des ersten Ehemanns von Sabina.

 

Warum werden ein möglicher „Verwandter“ von Magdalena Leicher sowie eine zweite Zwilling-Tochter erfunden, anstatt die vorhandenen Quellen kritisch zu hinterfragen? Küttler schließt seine Ausführung mit einem Indiz, das ebenfalls seiner eigenen Vier-Ehen-Didymus-gen-Leicher-Hypothese widersprechen müsste, aber wiederum fehlinterpretiert wird (dabei werden außerdem die Namen von Sabina Prätorius und ihrer vermeintlichen Mutter verwechselt; mit „Sabina Leicher“ ist hier „Gertrud Leicher/Didymus“ gemeint):

 

Letzte Sicherheit, dass Sabina Leicher, die Tochter von Gabriel Zwilling-Didymus, die letze Ehefrau und damit auch die Mutter von Michael Praetorius gewesen ist, ergibt sich aus der Leichenpredigt für Maria Jordan. Dort wird genealogische Aussage gemacht: „Die Fraw Mutter aber Sabina, des Ehrwürdigen. Großachtbaren und vielgelarten Herrn Michaelis Praetorii, fürnehmen Predigers zu Torgaw und hernach Superintendentis zu Creutzberg in Thüringen hinterlassene eheliche Tochter“) eine Tochter von Michael Schulteis (Praetorius) gewesen ist.“
Sabina war rechtlich gesehen die eheliche Tochter von Michael Schulze, aber eben keine „leibliche“ Tochter.

 

Eine „eheliche“ Tochter würde ich – besonders in der Frühen Neuzeit – immer als leibliche Tochter betrachten. Nur zum Vergleich: Die ebenfalls genannte Maria Schultheis – Sabines Schwester – wird in ihrer Leichenpredigt lediglich als „nachgelassene[r] Tochter“ Michael Schulzes bezeichnet. Wäre hier also auch eine Stieftochter anzunehmen? Wohl kaum. Von einer „letzten Sicherheit“ kann bei solch einer Angabe jedenfalls keine Rede sein.

 

Nach der Prüfung der vorhandenen Informationen spricht meiner Meinung nach weiterhin alles dafür, dass Michael Schulze drei Mal wie oben beschrieben verheiratet war

 

  1. 1537 NN Brückner
  2. vor 1554 (vermutlich bereits um 1541) Magdalena Leicher
  3. 1567 Gertrud Zwilling/Didymus

 

und dass Michael Praetorius der Sohn aus dritter Ehe mit Gertrud Zwilling war. Die meisten anderen Geschwister müssten demnach Schulzes Kinder aus der zweiten Ehe mit Magdalena Leicher sein. Mehr Klarheit würde sich ergeben, wenn die Biographien dieser weiteren Kinder untersucht und zusätzliche Originalquellen konsultiert werden würden, was an dieser Stelle nicht geschehen soll.

 

Trotz seiner also nachweislich sehr fragwürdigen Herleitung ist Küttlers Vermutung von den Bearbeitern des „Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen“ (Bd. 8, Schr-To, Leipzig 2008, S. 121) ungeprüft übernommen worden, so dass sich dort nun folgende Angaben zu Michael Schulzes Ehen finden:

 

∞ I Torgau 1537 N.N. Brückner
V: Georg B., Hofkoch Torgau
∞ II 1541 N.N. Didymus
V: Gabriel D. Oberpfr. u. Sup. Stadtkirche Torgau
∞ III Torgau vor 1549 Magdalena Leicher
V: Andreas L., Torgau

∞ IV 1567 Gertrud gen. Didymus, Wwe. d. N.N. Leicher (Leger)
V: Gabriel D., Oberpfr. u. Sup. Stadtkirche Torgau

      9 Kinder (4 S., 4 T., 1StiefT.) bek.

 

Diese Angaben sollten so schnell wie möglich korrigiert werden, da sie sich absolut nicht beweisen lassen, kaum Originalquellen als Grundlage haben, sondern vielmehr auf wenigen Fehlinterpretationen basieren. Paradoxer- und auch traurigerweise hat also der ambitionierte Versuch, die fehlerhaften Angaben aus Pfarrerbüchern zu revidieren, zu neuerlichen Fehlern geführt, die nun im nächsten Pfarrerbuch Verwirrung stiften werden.

 

 

Wegmarken: Familie Danziger/Gollop

http://wegmarken.inforadio.de/2013/06/30/familie-danziger-gollop/

 

Mein Freund Alexander Valerius hat einen kurzen Artikel zu 3 Generationen der jüdischen Unternehmerfamilie Danziger/Gollop sowie deren Niedergang während des Dritten Reichs veröffentlicht, für den ich ihm einige wertvolle Zuarbeiten beisteuern konnte. Seine Recherche entstand im Rahmen eines Uni-Seminars in Zusammenarbeit mit dem Projekt Wegmarken. Berlin im Nationalsozialismus vom Inforadio Berlin.