Wiederentdeckung jüdischer Grabsteine in Wien

SpOn berichtete gestern über die Wiederentdeckung jüdischer Grabsteine auf dem ältesten erhaltenen jüdischen Friedhof in Wien (Rossau bzw. Seegasse):

 

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/grabsteine-auf-juedischen-friedhof-an-der-seegasse-in-wien-entdeckt-a-910757.html

 

Auch österreichische Medien hatten vor einigen Tagen von dem „Sensationsfund“ berichtet.

 

 

Etwas unklar bleibt, was eigentlich wann entdeckt wurde. Während die IKG von 20 „kürzlich“ neu gefundenen Grabsteinen spricht, sind es bei vienna.at gleich 200. Ebenso widersprüchlich sind die anderen Zahlenangaben: Laut IKG befänden sich 350 Grabdenkmäler auf dem Grundstück Seegasse (womit vermutlich die im Jahr 1984 wieder aufgestellten 280 Steine + die seit einigen Jahren restaurierten 50-75 Steine gemeint sein dürften), während der ORF 435 dort wiederentdeckte Grabsteine nennt.

 

Und so großartig der Fund dieser einzigartigen Denkmäler auch ist, ganz so neu ist ihre Entdeckung nicht. Abgesehen von den Grabsteinen, die bereits in den 1980er Jahren auf dem Wiener Zentralfriedhof ausgegraben worden waren, publizierte Benedikt Narodoslawsky schon im vergangenen Jahr einen Artikel im Falter (38/2012), in welchem er die Entdeckung und Bergung der alten vergrabenen Grabsteine auf dem Friedhof Rossau beschreibt.

 

http://www.falter.at/falter/2012/09/18/der-bewegte-gottesacker/

 

So scheint die Berichterstattung über den neuerlichen Fund besonders mit dem Bemühen der Stadt Wien und der IKG in Zusammenhang zu stehen, den Friedhof an der Seegasse in den Rang einer Touristenattraktion zu erheben. Schon ist die Rede vom „historisch wertvollste[n] jüdische[n] Friedhof Europas“ (ORF), was sicher etwas übertrieben scheint. Auch ein Vergleich mit dem Alten Jüdischen Friedhof in Prag wirkt hochtrabend; angebrachter wäre ein Vergleich mit dem Remuh Friedhof in Krakau – schon allein wegen der Größenordnung und dem ähnlichen Schicksal von Zerstörung und Rekonstruktion.

 

Es wäre wünschenswert, wenn dieser Enthusiasmus auch jene jüdischen Friedhöfe erreichen würde, die seit Jahren immer weiter verfallen (z.B. Währing) und zu deren Instandhaltung der Staat Österreich verpflichtet ist.